„Ich lenke also bin ich“ Kai Schächtele

Cover: Heyne Verlag

Der Journalist Kai Schächtele ist ein „überzeugter Radfahrer“ und seine Bekenntnisse, mit einem unaufdringlich eigenem Humor beschrieben, sind ein wunderbar erquicklicher Lesestoff.

Schon bei seiner ersten „Expedition“ auf dem BMX-Rad hatte er sich vermutlich mit jenem Virus infiziert, der seine Entwicklung als Radfahrer auslöste. Das Fahrrad, das er nicht als Zwischenstufe, sondern als den Höhepunkt der menschlichen Evolution beschreibt, begleitet ihn sein ganzes Leben. Es erweist sich, verkehrsgenetisch gesehen, als die überlegenere Spezies. Renault Vier und Opel Kadett sind lediglich Mittel zum Zweck und eine zarte Bande zu seinem Geländemotorad zerschneidet ein Kolbenfresser. Geblieben ist die Liebe zum Fahrrad. 23 gute Gründe fürs Radfahren führt er in seinem Prolog an und erläutert dem Leser in den darauffolgenden Kapiteln nicht nur wieso, weshalb und sowieso, sondern noch eine ganze Ecke mehr.

Kai Schächtele riecht nicht nach Reformhaus, ist weder Öko noch Gutmensch. Er erklärt Radfahren zur Lebenshaltung mit dem Anspruch die Sicht auf das Fahrradfahren zu entkalken. Er bezieht nicht Position, er ist die Position. Grundehrlich und auch über sich selbst lachend fährt er Stadtrad, Rennrad und ist auf dem Tourenrad unterwegs in das Allerheiligste des urbanen Radverkehrs, nach Kopenhagen. Er überlebt Laschinskys Folterkammer, begegnet Nordic Bikern und fährt das eRockit. Im Kreisel, auf der Rolle und im Oval der Radrennbahn arbeitet er an seiner Rennfahrerkarriere, berichtet über Eisheilige, den Umgang mit Fahrradschlössern und von seinen Erlebnissen im Berliner Verkehr. Er landet mit Spinnern in einer Pornohöhle und erklärt warum man auf Liegeradler herabblickt, was nicht so einfach ist. Wir erfahren, dass Schwaben mit Flickzeug und nicht mit einem Ersatzschlauch bei einem Radrennen antreten. Nach Auseinandersetzungen mit der dunklen Seite der Macht, Begegnungen mit Freund und Helfern und diversen Stürzen erfolgt dann „finalmente“ die Läuterung des notorischen Rotlichtsünders.

Noch vieles mehr erzählt uns Herr Schächtele in seinen wunderbaren Anektoden. Bereits nach wenigen Kapiteln wird klar, der Mann ist authentisch bis in die letzte Speiche. Er lebt das Radfahren im Alltag, in der Freizeit und, sehr symphatisch, verweigert sich als Romantiker auch gerne mal vernünftigen Argumenten. Kultur entsteht aus Leidenschaft, ist Genuss und Stil. So gesehen ist Kai Schächtele ein Vertreter einer neuen Fahrradkultur.

Viele Leser werden sich in diesem Buch wiederfinden und natürlich ist es ein perfektes Geschenk für Hardcore-Autofahrer.

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