Monolog einer Frau, die in die …

… Gewohnheit verfiel, mit sich selbst zu reden

Gefallene Engel, gescheiterte Helden – auch im Radsport gibt es einige exemplarische Beispiele. Zu den zerstörten Mythen der jüngeren Vergangenheit gehören Marco Pantani, José Maria Jiménez, Dimitri De Fauw, Christophe Dupouey, Frank Vandenbroucke um nur einige zu nennen. Klassische Tragödien!

Frank Vandenbroucke, kurz FVB genannt, wurde spätestens nach seinem Sieg 1999 bei Lüttich – Bastogne – Lüttich zum Aushängeschild der Radsportnation Belgien. Doch dem rasanten Aufstieg folgte ein ebensolcher Niedergang mit allen dazugehörigen Attributen. Letztendlich stirbt er im Oktober 2009 im Senegal an einer Lungenembolie, in einem billigem Hotelzimmer, gebucht auf den Namen einer senegalesischen Prostituierten.

Eine gelungene literarische Verarbeitung der letzten Stunden des Frank Vandenbrouckes liefert der flämische Schriftsteller Dimitri Verhulst. In seinem Roman »Monolog einer Frau die in die Gewohnheit verfiel, mit sich selbst zu reden«, jetzt in erschienen im Covadonga Verlag, rekapituliert der preisgekrönte Schriftsteller (»Die Beschissenheit der Dinge«) diese Stunden aus Sicht von Seynabou, einer senegalesichen Hure, die sich selbst als Gazelle bezeichnet. Die Rückkehr Seynabous in das karge Zimmer, in dem der Radsportstar den Tod fand, eröffnet den Monolog.

Im abgefucktesten Hurennest von ganz Senegal trifft Jens de Gendt, das literarische Alter Ego von Frank Vandenbroucke, auf Seynabou Diop. Der charismatische belgische Radprofi mit den auffallend blauen Augen leidet schon länger unter den Problemen seines Niederganges. Es sind die Sorgen eines kränkelnden Egos, wie Seynabou in klarer Sprache entschlüsselt. »Der eitle Gockel« mit den 150.000 Google Einträgen, der sich »nur« einen Toyota Lexus leisten kann und die fatalistisch analysiernde Seynabou sind die zwei Pole dieses Kammerspiels. Sie stehen auch für das nachkoloniale Afrika und den europäischen Norden mit seiner enormen Wirtschaftsmacht. In beiden Welten gibt es keinen Raum für Träumer. So währt auch Seynabous Hoffnung, dass die Begegnung mit Jens de Gendt ihr Leben zum Positiven verändern könnte, nur kurz und bleibt unerfüllt. Im Gegensatz zu Jens ist sie jedoch immer noch hungrig auf das Leben.

»Zu erwarten habe ich wenig, und mit allen Wassern bin ich auch nicht gerade gewaschen. Aber ich stehe wieder auf. Das habe ich beschlossen. Ich will noch weiter. Ich bin noch nicht leer.
Leben: Ich muss es probieren«

Die Hoffnungslosigkeit des Radsportstars und Nüchternheit der Hure in der Sahelzone verknüpft Verhulst auf eine unnachahmliche Weise. Unter den Pressestimmen las ich »Lesen Sie dieses Buch, um sich selbst einen Gefallen zu tun. Es ist einer der gewaltigsten Ausbrüche der jüngeren flämischen Literatur«.
Wenn ich auch die zweite Aussage nicht zu beurteilen vermag, der Ersteren kann ich nur zustimmen.

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