»Tausend Kilometer Süden« Walter Jungwirth

Der Mille de Sud ist eine der grossen Herausforderungen im Langstreckenbereich und nicht wenige Randonneure träumen davon diese Strecke unter die Räder zu nehmen. Einer der dies schon mehrfach getan hat ist Walter Jungwirth. »Tausend Kilometer Süden«, die erste literarische Beschreibung dieses Monuments, ist kürzlich bei Covadonga erschienen. »Wir werden ja sehen, was da alles auf uns zukommen wird» so beginnt der Prolog dieses bemerkenswerten Erstlings von Walter Jungwirth. Vom Startort Carcès in der Provence, die französische Riviera, führt die Strecke ins italienische Ligurien. Über den Col Agnel, mit seinen 2.744 m das Dach dieser Tour, geht es zurück nach Frankreich und in einer Schleife zum Ausgangsort. 1000 Km, 16.000 Hm in 75 Stunden – die Randonneure sitzen am Vortag der Prüfung zusammen im Cafés Le Centre und stimmen sich mit diversen Anektoden auf das bevorstehende Ereignis ein, noch frohen Mutes, den bereits bestandenen Prüfungen eine Neue hinzufügen zu können. Vor allem der Col Agnel beflügelt die Gemüter, einer der höchsten asphaltierten Pässe der Alpen, den die Teilnehmer erreichen, wenn sie schon rund 600 Km in den Beinen haben.

Der Autor ist schon beim Prolog in guter Form, im Rhythmus. Es ist der Ausgangspunkt für ein wunderbares Geflecht aus Sätzen, Absätzen und Kapiteln, die den Leser mit ins Abenteuer nehmen. Fein verwobene detaillierte Betrachtungen: südliche Landschaften, schroffe Anstiege, Dörfer und Städtchen, Trubel und Verkehr, Gemeinsamkeit mit Gleichgesinnten und einsames Leiden, Demut und Hoffnung. Der Randonneur verliert schon mal den Rhythmus, der Schriftsteller jedoch nie.

Es gibt hier keinen Rhythmus mehr im Treten, nur ein Reißen und Pressen. Solange es geht fährt man im Stehen, dann wieder lässt man sich in den Sattel zurücksinken, und die Schmerzen am Gesäß, die schon am Vormittag aufgetreten sind, weren wieder wachgerufen. Aber diese Schmerzen, die dem Körper entspringen, sind nur nachgeordnet: Was wirklich weh tut, ist der Eindruck, auf der Stelle zu treten, die Ohnmacht, die einen überfällt und rasend macht.

Es ist erstaunlich dass Walter Jungwirth, trotz der enormen körperlichen Belastung und Erschöpfung, sich seine Empfindsamkeit erhält, und so viele Eindrücke und Wahrnehmungen in seinen Text einfliessen können. Es müssen die unzähligen Kilometer zu sein, die Jungwirth im Laufe seiner Randonneursjahre auf schmalen Reifen bewältigt hat, die ihn dazu befähigen.
Im Kapitel »Wie komme ich eigentlich hierher?« kehrt er zurück in seine Vergangenheit und schildert auf eine sehr ehrliche Weise, wie er zum Fahrrad kam und die Freiheit auf zwei Rädern erlangt hat.

Die Anstiege der Seealpen, Lance Armstrongs Hausberg, der Verkehr an der Riviera, Geheimkontrollen, der Col Agnel und Urschreie gegen die Müdigkeit. Am Ende kommen von einundvierzig Teilnehmern dreiundzwanzig innerhalb des Zeitlimits ins Ziel. Den Zielstempel vergleicht der Autor mit einer schmerzstillenden und kreislaufstabilisierenden Wirkung und das wird wohl auch nötig sein. Der letzte Satz lautet:

Aber so ist das eben: Der Mille du Sud geht nicht ohne Schmerzen ab, das kann ich versichern.

Kauft das Buch, meiner Meinung nach hat es hat das Zeug zu einem Klassiker.

hier noch ein kleines Video von Walter Jungwirth

Mille du Sud 2015 from viavelo on Vimeo.

Walter Jungwirth schreibt auf seiner vielbesuchten Webseite »viavelo« schon seit vielen Jahren über seine Radfahrlebnisse. Er organisiert mit Urban Hilpert die Brevets des ARA Breisgau.

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