Tino Pohlmann »CAPTURED« – Der Mythos Tour de France.

Es gibt Bücher die machen schon Freude, wenn man sie nur in die Hand nimmt. Titelbild, Gestaltung, Haptik – Tino Pohlmanns »CAPTURED« ist ein solches Buch. Der Bildband über den »Mythos Tour de France« ist eine äußerst gelungene Hommage an das legendärste Radrennen der Welt. Tino Pohlmann hat Kommunikationsdesign studiert und bereits 2005 im Rahmen seiner Diplomarbeit unter dem titel »Rotation / Contraction / Inspiration« Bilder der Tour de France veröffentlicht.

Für den Bildband »CAPTURED« begleitete er die Tour 10 Jahre. Seine eigenen Erfahrungen als Rennfahrer, er begann als Neunjähriger Rennen zu fahren, haben mit dazu beigetragen eine eigene Bildsprache zu entwickeln, die einen wohltuenden Gegenpol bildet zum Mainstream der internationalen Presse. Denn im Gegensatz zu den redundanten Aufnahmen der Fernsehübertragung oder der Rad- und Sportjournale, überwindet Pohlmann die Oberfläche der reinen Ästhetik. Er lässt das laute Getöns des Spektakels hinter sich und in der Tiefe seiner Bilder findet sich das zutiefst Menschliche, die Verletzlichkeit, das Leiden, die Einsamkeit. Das bezieht sich auf alle Protagonisten, die Rennfahrer und auch die Zuschauer, ohne die das Gesamtkunstwerk Tour de France nicht denkbar wäre.

Denn eigentlich ist so ein Amphitheater recht gemacht, dem Volk mit sich selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum besten zu haben.

Goethe in der Arena di Verona (Italienische Reise)

Auf den spannenden, spektakulären Abschnitten der Tour überwindet der Zuschauer (nicht alle) seine passive Rolle. Wenn bei Bergetappen den Rennfahrern die Sicht auf die Strasse durch die tobende Masse versperrt ist, und sie, durch ein sich im letzten Moment öffnendes Spalier, von ohrenbetäubenden Anfeuerungen weiter nach oben getragen werden, verschmelzen Akteure und Zuschauer. Die Landschaft wird zum Amphitheater und gleichermaßen zur Bühne mit einem stets wechselnden Bühnenbild, wie die gegenübergestellten Aufnahmen aus unterschiedlichen Jahren zeigen. Eine derartige Synergie findet man nur im Radsport, explizit in Bergen, die eine grandiose Kulisse bilden. Auf den Pässen die meist nur wenige Monate im Jahr passierbar sind, findet sich noch etwas vom Mythos der Anfangsjahre, als die Tour de France ein Aufbruch ins Unbekannte war.

Tino Pohlmanns Bilder erfassen diese Komplexizität, sind selbst aber nie laut. Es ist diese Stille, die ihnen ihre Intensität verleiht. Sein Gespür für feinste Details und den richtigen Moment scheint auf etwas »dahinter« zu verweisen und erlaubt eine individuelle Interpretation. Seine Dokumentation überwindet den Pathos der gewöhnlichen Berichterstattung; der Mensch rückt in das Zentrum der Wahrnehmung. Auch wenn etliche Fotografien die Erschöpfung, den Schmerz oder das Scheitern thematisieren, wie etwa Seite 68/69, die Aufgabe von Michael Rogers, 2007, vermitteln sie eher Mitgefühl und Zuneigung statt Sensationslust. Diese Sensibilität machte es Pohlmann auch unmöglich, den auf der Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard schwer gestürzten Jens Voigt zu fotografieren. Er respektiert und wird respektiert. Er ist selbst Teil der Tour geworden, hat sich eingefügt, sonst wären solche teils intimen Bilder wohl kaum möglich.

Ein aussergewöhnlicher Bildband, sehr schön gestaltet und hochwertig hergestellt. Ein Highlight für alle Fans von Radsport und Fotografie, absolute Kaufempfehlung.


Editor Christian Thill
Art-Direction Susanne Grote, Editorial Design
Autor Philippe Brunel, Karsten Migels
ISBN 978-3-942831-79-6
Format 24 x 30 cm
Umfang 192 Seiten, Hardcover, Halbleinen, 144 Abbildungen, FRA, ENG, DEU

Tino Pohlmann: Webseite

erhältlich im Verlag: Seltmann+Söhne

oder hier:

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kenne mich nicht so gut aus mit der TOUR DE FRANCE, weil ich es nun nicht so krass verfolge und jetzt nicht der Überfan bin, wenn sie aber stattfindet schaue ich schon die meisten Etappen ohne mich im Vorfeld zu informieren. Ich weiß nicht wieso, dann plötzlich finde ich dieses Radrennen spannend und einmal im Jahr interessiert mich der Sport dann doch. Ich glaube das liegt an meinen Vater, der riesen Fan der TOUR DE FRANCE ist und ich als Kinder schon immer reingeschaut und mitgeschaut habe. Da hat sich bei mir die Faszination TOUR DE FRANCE bei mir ergeben.

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